Wenn ich sage, ich mache das seit 35 Jahren, ist das für viele nur eine Zahl. Ein Beleg, den man erwähnt, damit man einem glaubt. Ich möchte hier einmal zeigen, was hinter dieser Zahl tatsächlich steckt – nicht als Behauptung, sondern als Beobachtung.
Früher kam man mit allem

In den ersten Jahren waren die Fragen vielfältig, verteilt auf jedes Thema, das ein Leben ausmacht. Es ging um Beruf und Geschäft, um Krankheit, um Gefahr, um Behörden und Strafen. Geschäftsleute fragten, ob das neue Vorhaben tragen wird, ob es den Angestellten gut gehen wird, ob von irgendeiner Seite Gefahr droht. Menschen kamen mit Themen, über die sie sonst mit niemandem sprechen konnten. Es ging um Rat, um einen Ausblick, um Problemlösung, um Entscheidungen, bei denen man selbst nicht weiterwusste. Man kam zu den Karten, weil man wirklich etwas wissen wollte, auch wenn es unbequem war.
Ich lege bis heute vielfältige Themen, auch Tabuthemen. Nur fragt kaum noch jemand danach.
Heute ist es fast nur noch eines
Heute ist es fast ausschließlich Liebe. Und nicht Liebe im eigentlichen Sinn, sondern eine sehr bestimmte Frage: kommt er zurück, will er mich, was macht sein Ego gerade. Liebe war einmal Liebe. Kein Leistungssport. Kein Stalking. Heute wird um denjenigen gekämpft, der nicht will, als wäre Zuneigung etwas, das man sich durch genug Anstrengung verdienen kann. Und die Menschen, die tatsächlich lieben, ganz ohne Drama, ohne Kampf, einfach da sind, werden verjagt. Ausgelacht. Als nicht genügend betrachtet, weil sie nicht in das Bild vom großen, schicksalhaften Ringen passen.
Wahrheit nur, solange sie gefällt
Was mich dabei am meisten stört: Die Karten dürfen recht haben, solange es gefällt. Zeigen sie etwas, das nicht ins Wunschbild passt, den eigenen Anteil an einem Problem, eine Gefahr, einen Fehler, dann interessiert das plötzlich niemanden mehr. Dann sind die Karten auf einmal nur noch eine Momentaufnahme. Dieselbe Methode, dieselbe Legung, wird also nur dann ernst genommen, wenn sie bestätigt, was man ohnehin hören wollte. Das ist keine ehrliche Beratung mehr, das ist Bestätigungssuche mit Kartenbildern.
Gefeilscht wird bei mir, nicht bei den anderen
Auffällig ist auch, wie unterschiedlich mit Geld umgegangen wird. Bei mir wird gehandelt, verhandelt, um jeden Euro gefeilscht, als wäre ich auf einem Markt. Bei sogenannten Dualseelenexpert:innen dagegen fließt das Geld, ohne dass irgendjemand nachfragt. Ehrlichkeit wird offenbar nicht honoriert. Bestätigung schon.
Was das Handwerk selbst geworden ist
Was mich zusätzlich wirklich betrübt: wie heute mit dem Kartenlegen selbst umgegangen wird, und wer sich alles zutraut, es zu tun. Ich habe Videos gesehen, in denen schamlos aus dem Begleitbuch der Karten vorgelesen wurde, Wort für Wort, ohne eigene Deutung, ohne eigenes Verständnis. Viele der kurzen Videos, die heute unter „Kartenlegen“ laufen, haben mit dem, was Kartenlegen tatsächlich ist, nichts mehr zu tun. Das ist Ablesen, keine Deutung. Ein Handwerk, das über Jahre gelernt wird, wird auf ein Vorlesen aus der Anleitung reduziert, und genau das wird dann als Kartenlegen verkauft.
Alter als Makel, nicht als Wert

Erfahrung müsste eigentlich zählen, gerade in einem Handwerk, das man nur über Jahre wirklich lernt. Stattdessen wird sie oft zum Vorwurf gemacht. Mir wurde einmal von einer Kollegin, die selbst Kartenbedeutungen aus dem Begleitbuch vorliest, deutlich gesagt, ich solle nicht wieder mit meinem Alter und meiner langen Erfahrung ankommen. Ausgerechnet von jemandem, der keine eigene Deutung hat, sondern vorliest, was im Buch steht.
Das zeigt etwas Grundsätzliches: In diesem Feld zählt heute nicht mehr, wie lange und wie tief jemand ein Handwerk beherrscht, sondern wie jung, wie präsent, wie algorithmenfreundlich jemand auftritt. Wer lange dabei ist, wird nicht als Autorität gesehen, sondern als jemand, der „wieder mit dem Alten ankommt“. Das trifft nicht nur mich. Das trifft alle, die etwas wirklich gelernt haben, in einem Bereich, der zunehmend von Schnelligkeit und Oberflächlichkeit lebt statt von echtem Wissen. Alter passt nicht zu dem Anspruch von Perfektion, den Viele heute fordern und nur sehr Wenige leben.
Verbrannte Erde

Diese Menschen verderben den Ruf des Kartenlegens komplett. Sie zerstören ihn, und sobald das nächste Thema gerade in Mode ist, ziehen sie weiter, wenden sich dem nächsten Feld als „Expert:in“ zu und hinterlassen verbrannte Erde. Was bleibt, ist ein Publikum, das glaubt, Kartenlegen sei genau das: Vorlesen, oberflächlich, austauschbar. Die tragen den Schaden davon, die tatsächlich seriös arbeiten, die ein Handwerk über Jahre gelernt haben, nicht diejenigen, die längst beim nächsten Trend sind.
Sie sind es, die den negativen Ruf des Kartenlegens, der Astrologie usw., ruinieren und ins Lachhafte ziehen.
Kollegenneid
Es gibt noch etwas, das mich bedrückt, und ich sage es genau so, wie ich es meine: Kollegenschweinereien. Es ist mir zweimal passiert, dass eine Kollegin und ein Kollege ihre Reichweite in den sozialen Medien genutzt haben, um mich schlechtzumachen. Zuerst wurde ich von ihnen hochgejubelt, ohne mich auch nur zu fragen. Dann, nachdem sich meine Karten, meine Horoskope, meine Warnungen als richtig erwiesen hatten, wurde ich öffentlich fertiggemacht.
Besagte Kollegin hatte ich übrigens gewarnt, sie solle ihren Herzensmenschen nicht so bestalken, sonst sei er schneller weg, als sie schauen könne. Es kam dann leider genau so. Und ich war natürlich diejenige, die es falsch gemacht hatte. Nicht sie. Nein, ich.
Der große Eklat liegt inzwischen einige Jahre zurück. Bis heute, glaube ich, wird versucht, mich in einem schlechten Licht dastehen zu lassen.
Nicht Erfolglosigkeit hat also den Neid ausgelöst. Es war das Gegenteil: dass ich recht hatte. Das scheint manche mehr zu stören als jeder Misserfolg es könnte.
Und was ist nun? Ich bin noch immer da.
Wenn Liebe zum einzigen Lebensinhalt gemacht wird

Ich habe in all den Jahren und Jahrzehnten so oft miterlebt, wie sich Aussagen der Karten bestätigt haben, im Negativen wie im Positiven. Und ich habe erlebt, wie viele verschiedene Themen ein Leben tatsächlich bewegen, bestimmen, formen. Deshalb stört es mich so sehr, dass die Liebe zum alleinigen Mittelpunkt, zum Zugpunkt des Kartenlegens gemacht wird.
Man lebt heute tatsächlich so, als sei das Besitzen einer Dualseele der Lebenshöhepunkt schlechthin. Und wenn dieser Mensch einen dabei richtig fertigmacht, gilt das nicht als Warnzeichen, sondern fast als Bestätigung: umso besser, umso schicksalhafter, umso echter fühlt es sich an.
Das Schamgefühl, das früher noch da war, wenn man sich in eine ungesunde Dynamik verrannt hatte, ist verschwunden. An seine Stelle ist ein übermäßig aufgeblähtes Ego getreten, das lieber im Drama verharrt, als sich selbst infrage zu stellen.
Verrohung
Und dann ist da noch etwas, das schwerer in Worte zu fassen ist, aber real: die Frechheit, der Ton, die Verrohung im Umgang. Wer ehrlich bleibt, wer nicht nur bestätigt, was gehört werden will, bekommt heute schneller Beschimpfung als Widerspruch. Das war früher anders.
Wer alles ausgeklammert wird
Es stört mich enorm, wie viele Menschen in diesem Bereich einfach ausgeklammert werden. Ältere Menschen. Kranke. Männer. Menschen mit Behinderung. Und auch Menschen mit ausländischen Wurzeln, wenn es um die Frage geht, wer als Partner überhaupt infrage kommen darf.
Ich traue mich mittlerweile kaum noch zu erwähnen, wenn eine Legung zeigt, dass der oder die Zukünftige ausländische Wurzeln haben könnte. Dabei ist Ausland für mich keine ferne, abstrakte Kategorie. Ich lebe in einer Grenzregion. Als ich noch geraucht habe, sind wir regelmäßig ein, zwei Stunden bis nach Luxemburg gefahren, für Tabak und Kaffee. In Frankreich hat man andere Dinge gekauft. Die Grenze war für uns Alltag, keine Bedrohung.
In meiner Stadt gibt es viele arabische und indische Geschäfte, in die ich selbst gerne gehe, und die auch von vielen anderen besucht werden. Gleichzeitig klagt man hier oft darüber, dass so viele Läden schließen, dass die Innenstadt verödet. Und wenn dann jemand mit ausländischen Wurzeln genau diese Lücke füllt, einen Laden eröffnet, das Geschäft am Leben hält, wird darüber ebenfalls geklagt. Beides zusammen ergibt keinen Sinn. Entweder man will belebte Geschäfte, oder man beschwert sich über die, die sie beleben.
Fassade statt Substanz

Mir fällt zunehmend etwas anderes auf: Jeder will Perfektion, zumindest nach außen. Auch wenn es nur eine schöne Fassade ist. Das Wort „Expert:in“ wird höher bewertet als echte Erfahrung und echtes Wissen. Man muss sich nur so nennen, und schon wird man so behandelt, unabhängig davon, ob dahinter etwas steht.
Für sich selbst will man davon aber nichts wissen. Man lebt, wie man gerade will, ohne diesen Anspruch an das eigene Leben zu stellen. Selbst Perfektionismus leben? Wo käme man denn da hin. Die Doppelmoral fällt kaum jemandem auf: Perfektion und Expertentum werden verlangt, wo man selbst nur konsumiert, aber nicht dort, wo man selbst gefordert wäre.
35 Jahre lassen sich nicht in einem Text erzählen. Das hier ist ein Ausschnitt, kein letztes Wort. Aber es ist genug, um zu zeigen, warum ich sage, was ich sage – nicht aus Behauptung, sondern aus dem, was ich all die Jahre über, gesehen habe.
Jedoch egal was geschieht und wie es sich weiterentwickelt, ich bleibe wie ich bin und ich werde noch da sein, wenn andere nur noch im Internet in alten Beiträgen anwesend sind.
© Erika Flickinger
Suchst Du eine individuelle Beratung?
Persönliche Beratungen findest du HIER
und eine größere Auswahl HIER
